Achtung Bissig

Das Scheitern einer Ideologie

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Gastkommentar von Andreas Unterberger aus ÖPU Pressedienst, Wien:

In der wohl merkwürdigsten Passage seiner Welser Wahlrede hat sich SPÖ-Chef Kern dafür entschuldigt, dass die Partei auf dem falschen Weg unterwegs gewesen ist. Er hat jedoch in keiner Weise konkretisiert, worin eigentlich die Fehler der Partei bestanden haben; gleichzeitig hat er eine Menge alter – jedoch weiterhin unfinanzierbarer – Versprechungen seiner Partei wiederholt, und ihnen etliche neue hinzugefügt. Er glaubt also weiter ans Schlaraffenland. Wo waren also die Fehler, die Kern jetzt immerhin zugibt?

Rhetorisch war diese Entschuldigung wohl nur eine geschickte Floskel, die Etliches an Bürgerwut und Dampf bei den (ehemaligen) Wählern ablassen sollte. In einem einzigen Bereich hat Kern jedoch trotz der schier unendlichen Geschwätzigkeit und supermarktartigen Alles-für-Alle-Philosophie seines „Plans A“ ein altes sozialdemokratisches Dogma weggelassen, das früher bei derlei Gelegenheiten immer angesprochen worden ist. Nämlich die “Gesamtschule”.

Aber für eine Abkehr vom Dogma Gesamtschule gibt es inzwischen auch einen neuen und geradezu zwingenden Grund. Bisher in der Öffentlichkeit unbekannte Daten zeigen nämlich neuerdings unwiderlegbar, dass die „Neue Mittelschule“ (NMS), also die von Rot-Schwarz eingeführte Form der Gesamtschule, ein totaler Flop geworden ist. Das sagen zwar seit längerem fast alle Lehrer, die damit Erfahrungen sammeln konnten. Das zeigen nun aber auch neue Daten der “Statistik Austria”, die von dieser zwar versteckt worden sind, die aber eindeutig sind.

Denn nun stellt sich heraus, dass die Fakten noch viel schlimmer sind, als der Rechnungshof in seiner NMS-Studie kritisiert hat: Er hat noch bemängelt, dass diese Gesamtschulen trotz viel höherer Kosten höchstens gleichwertig mit der zum Auslaufmodell degradierten Hauptschule wären. Jetzt aber stellt sich heraus, dass sie sogar deutlich schlechter sind.

Der Beleg findet sich in dem Band: “Bildung in Zahlen 2014/15 – Tabellenband (2016)”. Die dortigen Zahlen zeigen, welcher Prozentsatz der Schüler beim Wechsel in die Oberstufe nach dem ersten Jahr keinen Aufstieg in die nächste Klasse geschafft hat:

Im ersten Jahr nach dem Umstieg von …. auf …. gescheitert:

 

AHS Oberstufe

BHS Oberstufe

Abgänger NMS

31,4 %

31,5 %

Abgänger HS

20,0 %

24,5 %

Abgänger AHS USt

11,9 %

11.0 %

Das heißt im Klartext: An Oberstufengymnasien ist der Erfolgsabstand zwischen den Schülern aus einer AHS-Unterstufe und jenen aus einer Hauptschule sogar geringer als der Abstand zwischen Hauptschul- und NMS-Absolventen. Bei den berufsbildenden Schulen (Handelsakademien, HTL, usw.) ist der Unterschied ebenfalls groß, wenn auch nicht ganz so krass. Das widerlegt alle einstigen Polemiken regulierungswütiger Politiker gegen die Hauptschulen, dass diese eine überholte Fehlkonstruktion wären, dass sie sozial diskriminieren würden. Eine wirkliche Diskriminierung durch schlechtere Ausbildung trifft vielmehr erst jetzt alle jene Jahrgänge, für die es nur noch die NMS gibt.

Das kann auch durch das zweite NMS-Prinzip in keiner Weise ausgeglichen werden: dass es zwar strikt verboten ist, die Klassen irgendwie zu teilen, dass aber teilweise ein zweiter Lehrer in der Klasse anwesend ist. Das macht die Gesamtschule nicht nur sehr teuer, es ist nach Aussage vieler Schüler sogar sehr störend, wenn ein zweiter Lehrer gleichzeitig in der Klasse aktiv ist.

Diese Kritik an der NMS deckt sich genau mit dem, was Stefan Hopmann, Pädagogik-Professor an der Uni Wien, seit Jahren lehrt: „Ich muss den Schulen so viel Freiheit einräumen, damit sie den Unterricht für genau die Schüler gestalten können, die sie haben.“ Das gleichmacherische Gesamtschulprinzip ist genau das Gegenteil davon.

In Wien sind die Gesamtschul-Ideologen besonders brutal unterwegs. Wohl können sie – mangels einer Mehrheit für die notwendigen Bundesgesetze – die achtklassigen Gymnasien mit ihren eindeutig besseren Bildungsergebnissen noch nicht abschaffen und so auch deren Unterstufen in die Gesamtschulen hineinzwingen. Aber die SPÖ hat seit vielen Jahren verhindert, dass in Wien neue Gymnasien entstehen. Dabei nimmt die Bevölkerungszahl in der Hauptstadt alljährlich um viele Zehntausende Menschen zu. Also wird es immer schwieriger, einen Platz im Gymnasium zu finden.

Anzumerken ist, dass auch die Gymnasien in den letzten Jahrzehnten durch viele schädliche Reformen (von der Abschaffung der Aufnahmeprüfungen über die Unterminierung der Lehrerautorität bis zur ständigen Senkung der Leistungsanforderungen) eindeutig an Qualität verloren haben. Die – in Wahrheit als einziges wirklich notwendige – Rücknahme dieser Verschlechterungsreformen im Schulsystem wäre aber für die Politik demütigend und ist daher tabu.